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Was hat Selbstwert mit Führung zu tun?

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine junge Führungsperson und erstmals in einer Führungsrolle. Sie sind gut ausgebildet, voller Tatendrang und Sie freuen sich auf die neue Aufgabe. Ihre Leistungen sind hervorragend, zusammen mit Ihrem Team übertreffen Sie Ihre Ziele und Sie erhalten von Kunden Feedbacks für die hervorragende Arbeit von Ihnen und Ihrem Team.

Selbstwert und Erfolg

Für die meisten von uns, steigt mit dem Erfolg auch der Selbstwert – unser tiefes Gefühl für uns als Mensch. Erbringen wir bessere Leistungen, fühlen wir uns auch besser in unserer Haut. Das ist natürlich und auch in Ordnung. Doch was passiert, wenn die Leistung sinkt oder die Verkaufszahlen in den Keller gehen? Sind Sie oder Ihre Mitarbeitenden dann als Mensch weniger wert?

Koppeln wir unseren Selbstwert mit unserer Leistung, mit unseren Fähigkeiten oder einem Titel oder …. (Sie können die Leerzeichen selbst ausfüllen) geht unser Selbstwert auf und ab oder anders gesagt, er fährt Achterbahn auf unseren Leistungen oder unseren Schwächen und Fehlern.

Strategien, um ein geringes Selbstwertgefühl zu kompensieren

Die Strategien, die Führungspersonen mit einem an die Leistung gekoppelten Selbstwert anwenden, können je nach Zielerreichung vielfältig sein und dabei sind solche Führungspersonen auf den ersten Blick nicht immer introvertierte, stille Einzelkämpfer. Verfügen sie jedoch unter der Oberfläche um wenig Selbstwertgefühl, kann es zu einer herausfordernden Zusammenarbeit kommen.

Oberflächlich betrachtet, können solche Führungspersonen ein hohes Selbstwertgefühl ausstrahlen. Sie sind oft durchsetzungsfähig, handlungsorientiert und leistungsorientiert. Dazu können sie von Bewertungen besessen sein. Sie können auch misstrauisch sein und alle möglichen Kontrollmechanismen in ihre Führung und ihre Arbeit einbauen. Manche von ihnen werden als workaholic oder perfektionistisch bezeichnet.

Strategien, die Menschen mit geringem Selbstwertgefühl anwenden, können sein:

  • Ständige Bewertungen, auch wenn Bewertungen «positiv» daherkommen
  • Häufiges Beiziehen von früheren eigenen Arbeitserfahrungen und «genialen» Lösungen
  • Bestrebt, keine Fehler zu machen, nicht negativ aufzufallen; damit verbunden, Angst zu entscheiden
  • Streben nach Perfektion, Perfektion ist für sie der Massstab dafür «alles richtig zu machen»
  • Ständiger Fokus auf was sie nicht können und nicht auf was sie können; Selbstzweifel
  • Schwierigkeiten, Feedback oder Kritik anzunehmen oder zu tolerieren; oft reagieren sie mit Selbstrechtfertigung oder Gegenangriff; fühlen sich schnell angegriffen oder sind leicht kränkbar; schiessen womöglich mit Kanonen auf Spatzen
  • Neutrale oder positive Sichtweisen anderer werden schnell als negativ oder gegen sich gerichtet interpretiert; neutrale oder positive Deutungen zu Bemerkungen ihrer Mitmenschen fallen ihnen nicht ein
  • Hohe Kontrolle von sich und anderen Menschen; notfalls unter Einsatz von Angst oder Bedrohungen; schaffen von Unsicherheit
  • ICH steht vor WIR – viele Verweise auf «ich»; können auch andere Menschen und ihr Tun abwerten, um sich besser darzustellen oder andere Menschen belasten und Fehler abschieben
  • haben ein hohes Harmoniebedürfnis und gehen Konflikten – inneren wie äusseren – aus dem Weg; wenig Wahrnehmung und Gefühl für die eigenen Bedürfnisse
  • Eine oberflächliche Positivität, die für alle fast obligatorisch wird; man erzählt, was die Person hören will, ehrliche Gespräche und Offenheit werden weniger


Wenn es «lebensbedrohlich» ist, bei einem Fehler ertappt zu werden, muss dieser um jeden Preis versteckt werden; z.B. durch Lügen, Ausreden, Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen an andere usw.
Ein geringes Selbstwertgefühl ist die Wurzel der meisten dieser Probleme. Es wird nicht ausreichen, alleine in die Fähigkeiten z.B. Entscheidungsfähigkeit zu investieren, wenn nicht an der Wurzel, dem geringen Selbstwert begonnen wird.

Geringes Selbstwertgefühl und Wirkung im Führungsalltag

Angenommen, die junge erfolgreiche Führungsperson erhält nach ein paar Jahren eine oder einen Vorgesetzten mit geringem Selbstwertgefühl. Diese Führungsperson führt Kontrollen, Reportings und ständiges Bewerten ein und nur sein oder ihr Vorgehen ist das richtige.

Wie wird sich das Arbeitsleben dieser jungen Führungsperson verändern? Es kann zum täglichen Albtraum werden und dazu führen, dass sie und andere Mitarbeitende ihre Motivation, ihre Freude und ihren Elan verlieren.

Hoffnung?

Gibt es Hoffnung an dieser Situation etwas zu verändern? Ich würde meinen ja. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sind durchaus intelligent. Wird ihnen bewusst, dass ihr sich ständiges beweisen müssen, mit geringem Selbstwert in Verbindung steht, können sie sich oft von dieser Last befreien. Sie lernen, sich zu entspannen und Fähigkeiten zu entwickeln, mit ihrem inneren Manager oder Tyrannen bewusster umzugehen, indem dieser nicht länger unkontrolliert das Steuer übernimmt.

In Situationen wie diesen vergessen wir gerne: Wer wir in unserem Wesen sind, ist nicht das, was wir tun. Jeder Mensch ist grösser als jede Art, wie er objektiviert oder beschrieben wird.

Was gewinnen Sie?

Gelingt es, Menschen darin zu unterstützen, ihren Selbstwert von Äusserlichkeiten wie Leistung, Rolle, Titel oder anderem abzukoppeln, werden Energien frei für

  • Innovation, Kreativität und Veränderung: denn wir sind nicht unsere Leistungen und Rollen (oder Herausforderungen, Entscheidungen, Urteile usw.). Die Energie, die einst in unseren destruktiven Vorstellungen von uns selbst gebunden war, kann frei werden und als kreative Ressource genutzt werden.
     
  • Lernen und erfahren: Gelingt es uns, uns weniger mit unseren Titeln, unserer Funktion oder unserer Leistung zu verbinden und diese als Massstab zu nutzen, geben wir uns mehr Raum, Erfahrungen zu sammeln oder Fehler zu machen und zu lernen. Oder anders gesagt: «Der Weg zum Lernen muss mit Fehlern übersät sein. Wenn man das akzeptiert, befreit man sich von den Fesseln der Perfektion.»
     
  • Gesündere Beziehungen – vertrauensvolle Zusammenarbeit: Streben wir eine Zusammenarbeit an, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert, bedeutet dies, dass wir unser ganz wertvolles Selbst in die Beziehung einbringen müssen und nicht nur unsere Unsicherheiten.

Quelle und zum Vertiefen: So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl von Stefanie Stahl


Jeder Mensch ist ein Wunder.

(Antoine Saint-Exupéry)