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Allgemein Führung

Wie schwer ist dein Lebens-Rucksack?

Vor einigen Jahren hörte ich meinen Vater und seine Schwester über den frühen Tod einer ihrer Schwestern sprechen und wie sie damit umgegangen sind. Aus den Aussagen, die sie damals teilten, nahm ich ihre Trauer auch fünfzig Jahre später noch wahr. Der damalige Verlobte dieser Schwester, machte noch vor ein paar Jahren bittere Vorwürfe an den Arzt, der seiner Meinung nach, die Gesundheit seiner Verlobten nicht wirklich ernst genommen hatte.

Zum Abschluss dieses Gesprächs zwischen meinem Vater und seiner Schwester kam der Satz «jede/r hat sein Bürdeli zu tragen».

Mich ins Leben zu «schicken» und das Schicksal zu er-tragen ohne etwas zu verändern, ist nicht meine Lebensvorstellung. Innerlich rebelliert etwas in mir, bis eine Lösung oder ein Entscheid da ist. Immer ist es ein innerer Prozess, den ich zwar nicht von Beginn weg benennen kann. Prozesse, die unterschiedlich lange dauern können und immer wieder viel persönliches Wachstum und Entwicklung beinhalten. Dieser Anteil in mir hilft mir auch immer wieder, meinen Lebens-Rucksack auszumisten und zu entlasten. Was nicht immer einfach oder schmerzfrei ist.

Jede Erfahrung, die wir im Leben machen, hinterlässt einen Abdruck. Wichtig bei diesen Abdrücken ist, dass sie uns wachsen lassen. Sie sollen uns nicht mit emotionalem Ballast an die Vergangenheit binden.


 

Was macht einen Lebensrucksack schwer?

In einen Lebensrucksack packen wir vieles: Freude, Schmerz, Spass, Lust, Trauer, Ärger, Bitterkeit, Frust, Ängste und vieles mehr. Es hat einiges Platz im Rucksack. Diesen Rucksack nehmen wir tagtäglich mit auf unsere Lebensreise. Wir tragen ihn an den Arbeitsplatz, nach Hause, in die Partnerschaft, Familie, in der Freizeit usw.

Misten wir unseren Lebensrucksack nicht von Zeit zu Zeit aus, schleppen wir unseren geistigen und emotionalen Rucksack-Inhalt überall mit. Schlussendlich machen alle schwierigen Erfahrungen, die wir nicht angeschaut oder bearbeitet haben, den Rucksack schwer.

Beispielsweise

  • Belastende, unverarbeitete Erfahrungen aller Art
  • Unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse
  • Unerfüllte Erwartungen (eigene und solche aus dem Familiensystem)
  • Glaubenssätze, Glaubensmuster
  • Unverarbeitete, negative Gefühle
  • Verstrickungen (Familie)
  • Ängste, Sorgen
  • Trauer
  • Scham, Schuldgefühle
  • Geldsorgen und finanzielle Nöte
  • usw


Dazu kommt unser Lebensfortschritt. In jungen Jahren, wenn für viele der Lebensrucksack noch leicht ist, können wir flott unterwegs sein und achten nicht allzu sehr darauf, was wir in den Lebensrucksack packen. Wir tragen ihn mit mehr oder weniger Leichtigkeit. Mit zunehmendem Lebensalter und dem Sammeln der Lebenserfahrungen geht dies häufig nicht mehr so flott.

Der Rucksack zieht uns nach unten und macht uns und unser Leben schwer bzw. es fühlt sich schwer und anstrengend an und belastet immer mehr.


 

Was tragen Sie in Ihrem Lebensrucksack?

Sie wie auch ich tragen unseren eigenen Lebensrucksack. Jeder Rucksack hat seine eigene Ausgestaltung, Farbe, Form, Gewicht und ganz besonders, jeder Lebensrucksack ist mit einem ganz individuellen Inhalt gefüllt.

Nehmen wir uns eher selten Zeit, um innezuhalten, den Rucksack zu öffnen und zu schauen, was wir alles eingepackt haben, wird der Rucksack immer voller. Tragen wir einen schweren Lebensrucksack, können wir uns unter seiner Last kaum bewegen. Wir bleiben in unserer Situation, in unseren Mustern und Glaubenssätzen gefangen.

Eine Erfahrung einfach vergessen und wegpacken, kann für den Moment hilfreich sein. Früher oder später meldet sie sich in irgendeiner Weise. Sei dies über eine heftige Reaktion auf etwas oder durch körperliche Beschwerden. Die Lebensfreude bleibt auf der Strecke und das Leben gleicht immer mehr dem Gang in eine Sackgasse.
 
Was haben Sie alles in Ihren Lebensrucksack eingepackt – bewusst oder auch unbewusst? Und wie schwer ist Ihr Lebensrucksack?

Wie wir im Alltag auf Situationen reagieren, mit Beziehungen umgehen oder auch wie wir mit uns selbst umgehen, hat viel mit der Schwere oder der Leichtigkeit unseres Lebensrucksacks zu tun. Menschen denen es gelingt, mehrheitlich in ihrer Mitte zu bleiben, haben gelernt was es braucht, dass ihr Lebensrucksack leicht und übersichtlich bleibt.


Ich lade Sie ein, Ihren Rucksack etwas genauer zu betrachten und zu erkennen, welche toxischen und negativen Erfahrungen Sie mitschleppen

 

Wie den Lebensrucksack entlasten?

Sind Sie mutig und wollen dem Inhalt Ihres Lebensrucksackes auf den Grund gehen, ihn leeren und danach allenfalls das eine oder andere bewusst wieder einpacken?

Ein paar Ideen, wie Sie sich Ihrem Lebensrucksack annähern können

Blick in den Lebensrucksack

Nehmen Sie sich bei Gelegenheit bei einer Tasse Kaffee oder Tee einen Moment Zeit und denken Sie über Ihr Leben nach. Was haben Sie in all den Jahren alles in Ihren Rucksack eingepackt? Ein Blatt Papier und ein Stift helfen Ihnen, die Einsichten festzuhalten und immer wieder dahin zurückzukehren, bis Sie einen guten Überblick über all das Eingepackte im Rucksack haben.
 

Zeitreise & auspacken

Starten Sie im Jetzt. Welche Dinge liegen oben in Ihrem Rucksack? Was entdecken Sie als erstes? Nehmen Sie es aus Ihrem Rucksack und betrachten Sie es. Ist es ein Gefühl oder sind es Bilder? Legen Sie es vor sich hin und betrachten Sie es ohne zu bewerten.

Schritt für Schritt packen Sie alles war in Ihrem Lebensrucksack steckt aus. Nehmen aus dem Rucksack was Ihnen entgegenkommt. Allenfalls überlegen Sie sich, aus welchem Jahr es ist, bis schlussendlich der ganze Rucksack ausgepackt ist und der Inhalt vor Ihnen liegt. Wahrscheinlich sind Sie bis dahin in Ihrer Kindheit angekommen.
 

Wie soll Ihr Rucksack ab heute aussehen und was wollen Sie einpacken?

Nehmen Sie sich wiederum einen Moment für sich Zeit, überlegen und fühlen Sie, wie Ihr Rucksack, mit dem Sie in Ihrem Leben weiter gehen wollen, aussieht. Welche Passform hat er? Welche Grösse? Ist er grösser oder kleiner als der bisherige? Welche Form und Farbe darf es sein? Ist es der gleiche wie bisher oder soll es ein anderer sein?

Haben Sie Ihren Lebensrucksack, mit dem Sie weiterziehen wollen, klar vor Augen geht es darum zu überlegen, was Sie einpacken wollen.

Sie haben vor sich Ihr Lebens ausgelegt,ähnlich einem Buffet. Was wollen Sie auf die nächste Wegstrecke Ihres Lebens mitnehmen und warum? Zum «Warum» kann beispielsweise eine Notiz wie folgt aussehen: «Dich liebe Ressource packe ich wieder ein, weil du mir in schwierigen Momenten immer Kraft und Zuversicht gespendet hast.» Oder: «Dich liebe Erinnerung packe ich ein, weil du mich an meine Grossmutter erinnerst, die mich so geliebt hat, wie ich bin und mir dadurch sehr viel Sicherheit vermittelt hat.»

Gibt es etwas, das Sie nicht mehr einpacken möchten, überlegen Sie sich, wohin dies ziehen darf. Bedanken und verabschieden Sie sich davon.

Wie fühlt sich Ihr neu gepackter Rucksack an?

Sobald Sie Ihren «neuen Rucksack» gepackt haben, können Sie ihn «anziehen». Wie fühlt er sich jetzt an? was hat sich verändert? Wie werden Sie damit Ihre nächsten Lebensschritte gehen können?

Ihnen wünsche ich bei Ihrer Entdeckungsreise hilfreiche Erkenntnisse und heilendes Loslassen.

Was uns auf dem Weg des Lebens niemand abnehmen kann, ist der Rucksack der Erfahrungen.

Ernst Ferstl